Ischa
Beginn mit dem Verschwinden der Abenddämmerung.
Die Definition
Ischa beginnt, wenn asch-schafaq verschwunden ist, die Helligkeit am westlichen Himmel nach Sonnenuntergang. Der Streit dreht sich darum, welche Erscheinung damit gemeint ist, und diese Zuordnung ist eindeutig belegt:
| Erscheinung | Vertreten von |
|---|---|
| asch-schafaq al-ahmar, die rote Dämmerung | Malikiten, Schafiiten und Hanbaliten; innerhalb der hanafitischen Schule außerdem Abu Yusuf und Muhammad asch-Schaibani |
| asch-schafaq al-abyad, die danach verbleibende weiße Helligkeit, also die vollständige Verdunkelung des Horizonts | Abu Hanifa |
Belegstellen: al-Mausili, al-Ichtiyar, Bd. 1, S. 52 bis 53, überliefert für Abu Hanifa die nach der Röte verbleibende Weißheit und für seine beiden Schüler die Röte. Die Mehrheit stützt sich unter anderem auf die auf Ibn Umar zurückgeführte Erklärung „Die Dämmerung ist die Röte“ bei ad-Daraqutni, Salat 12, I, 269, und al-Baihaqi I, 373 bis 375.
Die Abfolge am Himmel, nach den Quellen
Die beiden hanafitischen Standardwerke beschreiben nicht zwei Zahlen, sondern eine Reihe von Erscheinungen. Al-Mausili schreibt: وَالشَّفَقُ: الْبَيَاضُ الَّذِي يَبْقَى بَعْدَ الْحُمْرَةِ. وَقَالَا: هُوَ الْحُمْرَةُ, also: Der Schafaq ist die Weißheit, die nach der Röte verbleibt; die beiden, gemeint sind Abu Yusuf und Muhammad, sagen: Er ist die Röte.
As-Sarachsi entfaltet dasselbe in al-Mabsut, Bd. 1, S. 144 bis 145, und begründet beide Seiten. Für die Röte führt er an, es gebe drei aufgehende und drei untergehende Erscheinungen; maßgeblich sei jeweils die mittlere. Beim Aufgehen ist das das wahre Morgengrauen, beim Untergehen entsprechend die Röte. Für Abu Hanifa steht dagegen: الْحُمْرَةُ أَثَرُ الشَّمْسِ، وَالْبَيَاضُ أَثَرُ النَّهَارِ, die Röte ist eine Wirkung der Sonne, die Weißheit eine Wirkung des Tages. Solange nicht alles davon verschwunden ist, ist noch nicht uneingeschränkt Nacht geworden, und Ischa ist das Gebet der Nacht.
Daraus ergibt sich diese Folge:
- Die Sonnenscheibe verschwindet.
- Eine rote Dämmerungszone bleibt am Westhorizont.
- Nach dem Verschwinden der Röte bleibt eine schwächere weiße Helligkeit.
- Schließlich wird der Horizont gleichmäßig dunkel.
Abu Yusuf und Muhammad setzen zwischen Stufe 2 und 3 an, Abu Hanifa zwischen Stufe 3 und 4. Das ist der eigentliche Gegenstand des Streits, und es ist etwas anderes als die Gegenüberstellung zweier Gradzahlen.
As-Sarachsi nennt für die Röte-Position außerdem ein Härteargument, das für Deutschland besonders naheliegt: Die Weißheit könne erst gegen ein Drittel der Nacht verschwinden. Er überliefert von al-Chalil ibn Ahmad, dieser habe in Mekka Weißheit noch nach der halben Nacht beobachtet, und erwähnt für Sommernächte, sie könne sich am Horizont verteilen und mit dem Morgengrauen wieder vereinigen. Sein Schluss: فَلِدَفْعِ الْحَرَجِ جَعَلْنَا الشَّفَقَ الْحُمْرَةَ, um Härte abzuwenden, setzen wir den Schafaq als Röte an. Das sind referierte Beobachtungen und Argumente, keine Messreihe.
Zwei quellenkritische Punkte
Zum Wortlaut. Der in manchen hanafitischen Büchern wörtlich angeführte Satz „Das Ende der Maghribzeit ist, wenn der Horizont dunkel geworden ist“ ist in genau dieser Form nicht als Prophetenwort nachweisbar. Az-Zailaʿi bezeichnet ihn in Nasb ar-raya als gharib. Überliefert ist stattdessen, der Prophet habe Ischa gebetet, als der Horizont dunkel wurde. Die Begründung Abu Hanifas verliert dadurch nicht ihr Gewicht, aber dieses eine Zitat darf nicht als gesicherter Wortlaut ausgegeben werden. Siehe auch Ibn Hadschar, ad-Diraya I, 103.
Zur Weißheit selbst. Az-Zailaʿi unterscheidet in Tabyin al-haqaʾiq I, 80 bis 81 die allgemeine nächtliche Himmelsaufhellung, bayad al-dschauw, von der eigentlichen weißen Dämmerung, bayad asch-schafaq. Letztere beschreibt er als sehr feine, schwach rötliche Helligkeit, die der Röte nur wenig später folgt. Nicht jede noch wahrnehmbare Aufhellung des Nachthimmels ist also der von Abu Hanifa gemeinte weiße Schafaq.
Was am Horizont wirklich geschieht
Sonnenlicht ist elektromagnetische Strahlung. Ist die Sonne untergegangen, erreicht uns nur noch, was die Atmosphäre in großer Höhe streut. Der Weg dieses Lichts durch die Luft ist sehr lang, und je tiefer die Sonne sinkt, desto länger wird er.
Dabei geschieht zweierlei. Das kurzwellige, blaue Ende des Spektrums wird am stärksten aus dem Strahl herausgestreut, übrig bleibt zuerst das langwellige, rote Ende. Das ist die Röte am westlichen Himmel. Gleichzeitig nimmt die Strahlstärke ab, bis auch vom roten Anteil nichts mehr da ist. Was dann noch bleibt, ist ein blasser, farbloser Schein, bis auch der verschwindet.
Ausführlich, mit Brechung, Rayleigh-Streuung und der Rolle der Weglänge durch die Luft: Was mit dem Licht geschieht.
Welche Gradzahl zu welcher Erscheinung gehört
Die Rechtsschulen nennen keine Winkel. Die folgenden Zahlen sind spätere Zuordnungen, und sie streuen, weil die Farbgrenze am Himmel keine scharfe Kante ist:
| Winkel | Zuordnung | Wer |
|---|---|---|
| 17° | Verschwinden der roten Dämmerung | Fiqh-Akademie der Muslimischen Weltliga, Beschluss von 1986; bestätigt im ECFR-Beschluss 41 von 2004; Weltkonferenz Istanbul 2021 |
| 19° | Verschwinden der weißen Helligkeit | türkische Fachkommission unter Fatin Gökmen, 1949; dieselbe Kommission setzte die Röte bei 17° |
| 13,5° bis 16° | Ende der Röte nach neueren Beobachtungen | verschiedene Messreihen; eine einjährige saudische Studie kam auf 14,6° ± 0,3°. In der App als Freiwert eintragbar. |
| 12° | astronomische Grenze zwischen nautischer und astronomischer Dämmerung | Kalenderkonvention. Bildet die rote Dämmerung nicht zuverlässig ab und ist keine feste Position der drei Mehrheitsschulen. |
Und eine Einschränkung, die für 17° und 19° genauso gilt wie für 12°: Auch diese Zahlen sind Annäherungen einer Kommission an eine beschriebene Erscheinung, nicht die Definition selbst in Gradform. 19° ist die Zuordnung der Kommission Gökmen zur weißen Dämmerung, nicht Abu Hanifas Begriff.
Die Streuung ist selbst ein Ergebnis: Eine weltweit gültige, starre Gradgrenze für die Farbe gibt es nicht. Wer zwei Kalender vergleicht, sollte deshalb zuerst nachsehen, welchen Winkel sie ansetzen, bevor er einen von beiden für falsch hält.
Ischa in Deutschland
Ischa ist die Zeit, an der die geografische Lage am stärksten spürbar wird. In Berlin liegt sie am 21. Juni bei 12° gegen 23:51 Uhr, also unmittelbar vor Mitternacht. Der Stundenwinkel beträgt dort 159,7°, das sind 10 Stunden 39 Minuten nach dem Sonnenhöchststand um 13:12 Uhr. Schon bei 13° kippt sie über Mitternacht. Die App kennzeichnet in diesem Fall den Folgetag, damit die Tabelle nicht fehlerhaft aussieht.
Bei 17° und darüber tritt Ischa in fast ganz Deutschland um die Sonnenwende wochenlang gar nicht ein. Was dann gilt, steht unter Hohe Breiten.
Was die App rechnet
Wie bei Fadschr: der Zeitpunkt, zu dem die geometrische Sonnenhöhe dem negativen Winkel entspricht, ohne Refraktion, ohne halben Sonnendurchmesser, ohne Kimmtiefe.