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Schafaq Gebetszeiten

Hohe Breiten

Der Grund, warum diese App überhaupt gebaut wurde. Für Deutschland ist das kein Randfall, sondern der Normalfall im Sommer.

Das Problem, in einer Zeile

Ein Dämmerungswinkel tritt an einem Tag nur ein, wenn die Sonne überhaupt so tief sinkt. Die tiefste Sonnenhöhe eines Tages beträgt |φ + δ| − 90°. Daraus folgt eine kritische Breite:

φ_kritisch = 66,56° − Winkel

Nördlich davon wird der Winkel zur Sommersonnenwende nicht mehr erreicht:

Winkelab BreiteBetroffen
18° 48,56° N fast ganz Deutschland. München mit 48,14° schafft es knapp, Stuttgart mit 48,78° nicht mehr
17° 49,56° N alles ab etwa Nürnberg und Karlsruhe nordwärts
12° 54,56° N Flensburg, Sylt, Kap Arkona

In Berlin sinkt die Sonne am 21. Juni nur bis 14,04° unter den Horizont. Die geforderten 18° werden um 3,96° verfehlt. Das ist kein Rundungsproblem und keine Ungenauigkeit, es findet schlicht nicht statt.

Warum die App zuerst nichts tut

Die meisten Anwendungen liefern auch an diesen Tagen eine Uhrzeit, ohne zu sagen, woher sie kommt. Sie wenden im Hintergrund eine Ersatzregel an. Das ist keine Rechnung mehr, sondern eine Rechtsentscheidung, und sie wird dem Nutzer abgenommen, ohne dass er davon erfährt.

Diese App meldet standardmäßig, dass die Zeit nicht eintritt, und nennt dazu die tiefste erreichte Sonnenhöhe und die Fehlmarge in Grad. Wer eine Ersatzregel will, schaltet sie ein, und jeder daraus entstandene Wert ist in der Übersicht gekennzeichnet und im Rechenprotokoll mit Regel und Herkunftstag ausgewiesen.

Was gemeinsame Grundlage ist, und was nicht

Die Grundlage der Schätzung selbst ist unstrittig. Sie ist der sogenannte Dadschal-Hadith: Als die Gefährten nach einem Tag fragten, der wie ein Jahr dauere, antwortete der Prophet, ein Tagesgebet reiche dann nicht, man solle die Zeiten schätzen. Beleg: Muslim, Kitab al-Fitan wa-aschrat as-saʿa. Die Aufnahme dieser Schätzung findet sich in allen Schulen, etwa bei Ibn al-Humam, Fath al-qadir I, 155; al-Halabi, Ghunyat al-mutamalli, S. 230; Ibn Abidin, Radd al-muhtar I, 242; ad-Dasuqi, Haschiya I, 179; asch-Schirbini, Mughni al-muhtadsch I, 124.

Nicht geeinigt hat man sich auf eine Methode. Das ist der entscheidende Punkt dieser Seite: Über die Pflicht zur Schätzung besteht weitgehende Einigkeit, über das Verfahren nicht. Deshalb steht bei jeder Regel unten, wer sie beschlossen hat und in welchem Jahr, und keine von ihnen wird hier als die richtige ausgewiesen.

Ebenso wichtig: Nicht jede dieser Regeln ist eine Rechtsschulposition. Einige sind formelle Ratsbeschlüsse, andere sind schlicht das, was ein Programm tut, wenn die Rechnung kein Ergebnis liefert. Beides gehört auseinandergehalten.

Die Regeln im Einzelnen

Alle Regeln stützen sich auf die astronomische Nacht, also von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Auf Maghrib und Fadschr können sie sich nicht stützen, das wäre zirkulär: Fadschr ist ja gerade das, was fehlt.

Ein Punkt, der in Umsetzungen regelmäßig falsch gemacht wird: Fadschr und Ischa desselben Tabellentages gehören zu zwei verschiedenen Nächten. Fadschr bezieht sich auf die Nacht davor, Ischa auf die danach. Wer für beide dieselbe Nacht nimmt, bekommt eine Verschiebung von mehreren Minuten pro Tag und einen unstetigen Jahresverlauf.

Drittel der Nacht, dokumentiert und bewusst nicht angeboten

Fadschr ein Drittel der Nachtlänge vor Sonnenaufgang, Ischa ein Drittel danach.

Herkunft: Weltkonferenz zu Gebetszeiten, Istanbul, 26. und 27.09.2021, gemeinsam veranstaltet von Diyanet und dem Europäischen Rat für Fatwa und Forschung, mit europäischen Verbänden, darunter Millî Görüş, das Islamische Zentrum Aachen, ein französischer Muslimrat und die Pariser Moschee. Der Beschluss lautet: Normalzeichen grundsätzlich verwenden, Fadschr bei 18°, Ischa bei 17°, und bei fehlenden Zeichen oder ungewöhnlicher Härte auf ein Drittel der Scharia-Nacht begrenzen. Diyanet hatte bereits am 10.06.2009 für Gebiete jenseits 45° das Drittel beschlossen, dort mit einer Deckelung bei 80 Minuten nach Maghrib.

Warum sie hier kein Schalter ist: Sie war kurzzeitig eingebaut und ist bewusst wieder entfernt worden. Diese App setzt an die Stelle eines Zeichens, das nicht eintritt, keine Zahl. Sie sagt, dass es nicht eintritt, nennt die tiefste erreichte Sonnenhöhe und die Fehlmarge in Grad und verweist auf diese Seite. Wer der Regel folgen will, kann das tun; die App rechnet sie ihm nur nicht als scheinbar berechnete Zeit vor.

Dazu kommt ein sachlicher Vorbehalt, der ohnehin bestand: Die Beschlüsse sprechen von der Scharia-Nacht, also von Sonnenuntergang bis wahres Morgengrauen. Genau dieses Morgengrauen ist in diesen Nächten aber das, was fehlt. Jede Umsetzung müsste ersatzweise mit der astronomischen Nacht rechnen und läge damit neben dem Wortlaut des Beschlusses.

Siebtel der Nacht

Fadschr beginnt ein Siebtel der Nachtlänge vor Sonnenaufgang, Ischa ein Siebtel danach.

Herkunft: zurückgeführt auf Halit Schaukat im Umfeld von ISNA und Moonsighting.com. Eine lose Anknüpfung an klassische Nachtanteile liegt nahe, ein klassischer Text, der gerade das Siebtel als allgemeine Ersatzregel festlegt, ließ sich aber nicht nachweisen.

Autoritätsgrad: moderner Vorschlag, verbreitete Software- und Gemeindepraxis.

Mitte der Nacht

Die Nacht wird halbiert. Der großzügigste der üblichen Ersatzwerte: Fadschr liegt am spätesten, Ischa am frühesten.

Herkunft: Sahih Muslim 612 nennt die Mitte der Nacht als Ende beziehungsweise als wichtige Grenze der Ischazeit. Das ist jedoch kein Text, der bei fehlender Dämmerung die Mitte als Beginn festsetzt. Ein Rat, der diese Regel als Hauptmethode beschlossen hätte, ließ sich in den geprüften arabischen und türkischen Beschlüssen nicht finden.

Autoritätsgrad: Schätz- und Softwarekonvention. Der Hadith trägt sie als Analogie, nicht als direkten Beweis.

Winkelproportional

Der Anteil an der Nacht folgt dem gewählten Winkel, bei Fadschr geteilt durch 60, bei Ischa durch 18. Die unterschiedlichen Nenner sind kein Tippfehler, sie stammen aus der ursprünglichen Formulierung der Regel. Bei sehr großen Freiwerten würde der Anteil über die halbe Nacht hinauslaufen; die App begrenzt ihn dann und weist das im Protokoll aus.

Herkunft: moderne Gebetszeitensoftware. PrayTimes beschreibt die Formel ausdrücklich als Zwischenlösung neuerer Rechner. Der Nenner 60 ist keine überlieferte Zahl.

Autoritätsgrad: Algorithmus. Nicht zu verwechseln mit der Verhältnismethode der Muslimischen Weltliga weiter unten, die ganz anders funktioniert.

Aqrab al-Ayyam, der nächste Tag

Gesucht wird der nächstgelegene Tag, an dem der Winkel erreicht wird. Von dort wird der zeitliche Abstand zu Sonnenaufgang beziehungsweise Sonnenuntergang übernommen, niemals die Uhrzeit. Über einen Suchzeitraum von mehreren Wochen verschiebt sich der Sonnenuntergang um mehr als eine Stunde, dazu kommt womöglich eine Zeitumstellung. Wer die Uhrzeit überträgt, baut genau dort einen Sprung von einer Stunde ein, wo die Regel greift.

Gesucht wird außerdem in beide Richtungen. Der unerreichbare Zeitraum liegt annähernd symmetrisch um die Sonnenwende; eine einseitige Suche erzeugt eine systematische Schieflage.

Herkunft: als Praxis gut dokumentiert. 2004 verwendete Diyanet sie noch für Imsak und änderte seine Methode später; der Kalender der Türkiye Gazetesi verwendete sie für die betroffenen Zeiten. Eine eindeutige Zuweisung an eine klassische Schule oder an einen heute maßgeblichen Beschluss ließ sich nicht belegen.

Autoritätsgrad: historische und praktische Schätzmethode.

Fester Versatz

Eine feste Minutenzahl vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, häufig 60, 75 oder 90 Minuten. Das ist keine Berechnung, sondern eine Konvention, nach der viele Gemeinden verfahren. Die App führt sie mit, weil sie in der Praxis der Maßstab ist, an dem gemessen wird, und kennzeichnet sie ausdrücklich als Konvention.

Herkunft: dokumentiert sind unter anderem plus und minus 90 Minuten beim Islamischen Zentrum Hamburg; der Europäische Fatwarat ließ 2004 in Zonen mit fehlenden Zeichen 90 Minuten als alternative Schätzung zu. Diyanet deckelt seit 2009 jenseits 45° bei 80 Minuten nach Maghrib.

Autoritätsgrad: institutionelle Konvention. Organisation, Jahr und Minutenwert gehören immer dazu; ein allgemeines Maß ist es nicht.

Zwei starke Regeln, die diese App nicht rechnet

Beide sind hier genannt, weil sie zu den am besten begründeten gehören und weil ihr Fehlen sonst wie ein Urteil über sie aussähe. Es ist keines, sondern eine Grenze der App.

Aqrab al-Bilad, der nächste Ort

Übernommen wird nicht die Uhrzeit des nächstgelegenen Ortes mit erkennbaren Zeichen, sondern dessen Verhältnis zur dortigen Nacht, angewandt auf die eigene Nacht. Klassisch bei Malikiten und Schafiiten belegt, später auch von hanafitischen Gelehrten aufgenommen. Die Fiqh-Akademie der Muslimischen Weltliga beschloss 1986 für 48° bis 66° genau diese proportionale Übertragung und schlug 45° als Bezugsbreite vor; der Europäische Rat für Fatwa und Forschung bestätigte das 2004.

Nicht umgesetzt, weil die Wahl des Bezugsorts eine Entscheidung ist, die sich schwer begründen und leicht verstecken lässt.

Lokale Verhältnisregel

Eine Kommission der Fiqh-Akademie der Muslimischen Weltliga und des International Astronomical Center beschloss 2009 für 48,6° bis 66,6°: Solange das Zeichen besteht, gilt die echte Zeit. Für jeden Ort wird aus den normalen Tagen das durchschnittliche Verhältnis von Maghrib bis Ischa zur Länge der Nacht ermittelt. Fehlt das Zeichen oder wird es unstet, wird dieses lokale Jahresverhältnis auf die konkrete Nacht angewandt, und der Übergang erfolgt in Fünf-Minuten- Schritten, damit keine Sprünge entstehen.

Das ist weder die Regel „Winkel geteilt durch 60“ noch das Einfrieren des letzten gültigen Tages. Nicht umgesetzt, weil sie eine Vorberechnung über ein ganzes Jahr am jeweiligen Ort voraussetzt.

Eine Rangfolge, keine Empfehlung

Für eine auf Deutschland ausgerichtete Anwendung lassen sich die Verfahren nach ihrer Beleglage ordnen. Das ist eine Aussage über Quellen, nicht darüber, wie jemand beten soll:

  1. Drittel der Nacht, Diyanet und ECFR, Istanbul 2021. Aktuelle, europaorientierte Kollektiventscheidung.
  2. Lokale Verhältnisregel, Muslimische Weltliga und IAC 2009. Formelle Fachkommission, eigens für europäische Hochbreiten.
  3. Aqrab al-Bilad proportional zu 45°, Muslimische Weltliga 1986, bestätigt durch den ECFR 2004. Formeller Ratsbeschluss.
  4. Drittel mit 80-Minuten-Deckelung und 62°-Grenze, Diyanet 2009. Amtliche türkische Praxis.
  5. Aqrab al-Ayyam, Siebtel, Mitte der Nacht, winkelproportional. Dokumentierte, aber unterschiedlich stark begründete Praxis- und Softwaremethoden.

Der Charakter der Sache bleibt derselbe: Es geht um Ausnahmerecht für einen Fall, den die klassischen Texte nicht kannten. Die Wahl einer Regel ist selbst eine Rechtsfrage, keine technische Entscheidung.

Warum die Zeiten im Frühsommer so unruhig wirken

Kurz bevor ein Winkel unerreichbar wird, ändert sich die zugehörige Uhrzeit sehr schnell. Der Grund ist, dass der Durchgangszeitpunkt in der Nähe der tiefsten Sonnenhöhe wie die Wurzel aus der Fehlmarge wächst. Am letzten rechenbaren Tag fällt Ischa fast auf Sonnenmitternacht, einen Tag früher liegt es schon rund zwanzig Minuten davor. In Frankfurt wurden zwischen zwei aufeinanderfolgenden Tagen 17 Minuten Unterschied gemessen. Das ist Geometrie, kein Rechenfehler.

Aus demselben Grund nähert die App den Zeitpunkt nicht über den Stundenwinkel, sondern halbiert das Zeitfenster, bis die Sonnenhöhe genau getroffen ist. Eine Abbruchbedingung, die nur auf einen kleinen Höhenfehler prüft, erlaubt an flachen Durchgängen mehrere Sekunden bis Minuten Zeitfehler.

Zur Wahl der Ersatzregel